Jahre der Schande. Vierundneunzigjährige Jüdin Ruth Weiss erzählt Stationen ihres Lebens

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Auf den ersten Blick sitzt vorn in der Aula auf dem leicht erhöhten Podest eine freundliche weiß­­haarige alte Dame, die über Vergangenes, Selbsterlebtes spricht. In Wahrheit reprä­sen­tiert Ruth Weiss Zeitgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts hautnah wie kaum sonst jemand in Deutschland noch.

Ruth Weiss gehört als Jüdin heute zur vermutlich allerkleinsten Schar von Personen, die die An­­fänge des nationalsozialistischen Terrors in Deutschland direkt miterlebt haben. Mit der wach­senden zeitlichen Entfernung zum damaligen Geschehen schwindet durch hohes Alter oder Tod die Zahl der informierten Zeitzeugen. Fast hundertjährig – Ruth Weiss wird im Sommer fünfundneunzig – besuchte sie zusammen mit ihrem Verleger und Lektor am 11. April 2019 die Schulen St. Michael, um dort vor Schülerinnen und Schülern der neunten und zehn­ten Klassen von Gymnasium und Realschule Auskunft zu geben über prägende Stationen ihres Lebens. Die Gründe, die sie bewegen, immer noch vor jungen Leuten in Schulen aufzu­treten, nannte sie gleich eingangs: Wer vergangene Geschichte nicht zur Kenntnis nimmt, ist verdammt, sie zu wiederholen, mit all ihren Irrtümern und Schrecknissen.

Zeitzeugin 2019

 

 

 

 

 

Fürth, Geburtsort von Ruth Weiss, liegt im nahen Umkreis der Stadt der damaligen Reichs­parteitage Nürnberg. Julius Streicher, einer der übelsten, widerlichsten Nazidemagogen und Herausgeber des berüchtigten antisemitischen Karikaturenblattes Der Stürmer, orga­nisierte als Einheimischer besonders wirksam die antijüdische Hetze im süddeutschen Raum. Buchstäblich von einem Tag auf den anderen wandelte sich im kleinen Dorf unweit von Fürth das Leben für die Familie, wie Ruth Weiss erzählt. Mitschülerinnen und Mitschüler igno­rierten sie plötzlich, die Schwester, zuvor von der Dorfjugend als Schönheit angehimmelt, kam mit Dreck beworfen nach Haus, der Vater verlor seinen Beruf, Ruth wurde zum Schul- und Ortswechsel gezwungen. 1936 – endlich ergab sich für die gesamte Familie die Möglichkeit zur Ausreise nach Südafrika, auf Grund von verwandtschaftlichen Kontakten! Ein Glücksfall, und doch haben die ersten Jahre nach der Machtergreifung 1933 ausgereicht, um die nationalsozialistischen Verbrechen zum prägenden Erlebnis ihres Lebens zu machen. Von da an hat Ruth Weiss nie mehr aufgehört, politisch zu denken und zu handeln.

Nach der Emigration 1936 stritt sie in Südafrika gegen die Rassentrennung und unterstützte Nelson Mandelas Kampf gegen die Apartheid. Für weibliche Biographien einer älteren Generation ist Ruth Weiss’ Lebenslauf gleich zweifach bemerkenswert: Nicht nur mischte sie sich engagiert in politische Debatten ein, sie verkörpert zugleich den Typus einer intellektuellen, emanzipierten Frau. Als Journalistin berichtete sie international für Zeitungen unter anderem auch in London. 1974 erhielt sie das bundesdeutsche Verdienstkreuz.

An diesem Morgen von den aufmerksam zuhörenden Schülerinnen und Schülern befragt, was sie für ihre wichtigste Botschaft an die jüngere Generation halte, antwortet sie klipp und klar: Hinsehen, sich einmischen, nicht weggucken, wenn aktuelles Unrecht geschieht! Ruth Weiss zitiert dabei den berühmten Ausspruch von Martin Niemöller: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Die Erinnerung bewahren, das hat sich Ruth Weiss zur Aufgabe gemacht. Zum Ende des Vortrags sagte Frau Geburzi, die den Auftritt organisatorisch mitvorbereitet hatte, an die Adresse aller Zuhörenden: Vergesst diesen Tag nicht! Man verließ die beeindruckende Veranstaltung wohl auch mit dem Gefühl, vielleicht das letzte Mal einer direkten Augen­zeugin schon der frühen Jahre des Naziterrors begegnet zu sein.

Text: Dr. A. Kolle

Fotos: V. Renken

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