Die Auszeichnung der Gewinner

dummy

Trotz des turbulenten Schuljahres, das hinter uns allen liegt, fand auch dieses Jahr der schulinterne Schreibwettbewerb Schriftwelten statt. Kurz vor den Sommerferien können wir nun diese Zeit mit einem literarischen Abschluss ausklingen lassen.

Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums St. Michael konnten bis Ende April Geschichten, Aufsätze oder Gedichte zu unterschiedlichsten Themen einreichen, die anschließend von der Jury, bestehend aus Johanna Appeddu (Q1), Milena Berning (Q1), Paul Hersel (Q1), Frau Lüftner, Frau Mühleck und Herrn Dr. Kolle, gelesen und platziert wurden. Die Unterstufe konnte zwischen den Themen „Ein Brief an…“ und „Gänsehaut“ wählen, die Mittelstufe schrieb Texte zu den Themen „Ehrlichkeit“ und „Danke sagen“ und die Oberstufe setzte sich in verschiedenen Texten mit dem brandaktuellen Thema „Corona - Erzählungen, Kurzgeschichten, Gedichte, Nachrichten aus dem Lockdown“ auseinander.

Sehr freuen konnte sich die Jury über zahlreiche spannende und unterhaltsame Einreichungen, sodass die Platzierung der Gewinnertexte besonders schwerfiel.

An dieser Stelle bedanken wir uns ganz herzlich bei allen Schülerinnen und Schülern, die ihre Texte eingereicht haben. Trotzdem konnten nur insgesamt neun Texte einen „Platz auf dem Treppchen“ erhalten. Seid also nicht enttäuscht, wenn euer Text nicht dabei sein sollte, und schreibt fleißig nächstes Jahr wieder mit.

dummy

Ehrung der Unterstufe (von links nach rechts):
Leo Heimann 5c (dritter Platz), Schulleiter Herr Hildmann, Frau Lüftner (Jury), Laura Bender 5b (zweiter Platz), Johanna Appeddu (Q1, Jury), Antonia Schmees 6c (erster Platz)

 

 

dummy

Ehrung der Mittelstufe (von links nach rechts):
Leoni Korte 8c (dritter Platz), Schulleiter Herr Hildmann, Frau Mühleck (Jury), Anton Atzbach 7d (erster Platz), Paul Hersel (Q1, Jury), Lilly Neuhaus 9c (zweiter Platz)

 

 

dummy

Ehrung der Oberstufe:
von links nach rechts
Amrei Jahn (Q1, zweiter Platz), Schulleiter Herr Hildmann, Milena Berning (Q1, Jury), Hanna Kraft (Q1, erster Platz), Dr. Kolle (Jury), Hannah Bertels und Amelie Kepplin (beide EF, dritter Platz)

 

 

Mit seinem Text „Unterwegs als Flaschenpost“ schaffte es Leo Heimann aus der 5c auf den dritten Platz der Unterstufe. Laura Bender aus der 5b belegte mit ihrem Text „Ein Flüchtlingsmädchen und viele Gänsehaut-Momente“ den zweiten Platz. Der Gewinnertext der Unterstufe lautet „Inselhitze“ und stammt von Antonia Schmees aus der Klasse 6c, die ein Sommerabenteuer zu Papier brachte.

In der Mittelstufe belegte Leoni Korte aus der 8c mit ihrem Text „Ehrlichkeit und Lüge“ den dritten Platz, der zweite Platz wurde von Lilly Neuhaus aus der 9c mit ihrem Text „Danke sagen“ vertreten, während der Gewinner der Mittelstufe Anton Atzbach aus der 7d mit seinem Text „Der etwas andere Umzug“ die Jury überzeugen konnte.

Den dritten Platz der Oberstufe belegten Amelie Kepplin und Hannah Bertels (beide EF) mit ihrem gemeinsamen Text „Tagebucheintrag einer Heldin der Coronapandemie“. Der zweite Platz wurde von Amrei Jahn aus der Q1 mit ihrem Text „Umdenken“ belegt, und Hannah Kraft aus der Q1 schaffte es auf den ersten Platz mit ihrem Text „Leben“.

Aufgrund der aktuellen Lage fand die Ehrung der Gewinnerinnen und Gewinner im Kreise der Jury und mit unserem Schulleiter Herrn Hildmann am Freitag, dem 26.06, auf dem schönen Platz vor der Alexiuskapelle statt.

Text:  M. Berning (Q1), Fotos: J. Rüthing (Q1)

Dies sind im Folgenden die Siegertexte des Schreibwettbewerbs Schriftwelten 2021:

Antonia Schmees 6c: Inselhitze (Thema der Unterstufe: GÄNSEHAUT)

Ich schleppte meinen Rucksack durch die Sonne. Die Hitze des Hochsommers flammte auf den Straßen und meine Freundinnen Holly und Alea und ich hatten uns zu einem Freundschaftstag verabredet. Dazu gehörte bei dieser Hitze ein schönes, kaltes Eis. Ich sprang noch schnell in den nahegelegenen Supermarkt und als ich das Eis in meinem gelben Rucksack verstaut hatte, machte ich mich auf den Weg zu unserem geheimen Ort. Ich fluchte, als ich bemerkte, dass ich mir wohl einen Sonnenbrand eingehandelt hatte. Meine Haut war feuerrot und fühlte sich auch so an, wie Feuer. Es war nur noch ein kleines Stückchen bis zum alten Strandhäuschen, an dem wir uns immer trafen. Es lag an einem sehr kleinen Strand, der von großen Felsen umschlossen war. Es gehörte mal meiner Tante, doch die war schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen und lebte jetzt in einer Großstadt im Norden. Das Häuschen war schon etwas verwittert und manche Holzdielen waren morsch. Doch das machte meinen Freundinnen und mir nichts aus. Es war nun mal unser geheimer Treffpunkt. Ich schob die Tür auf. Sie war nie verschlossen, da ja niemand außer uns diesen Ort kannte. Ich schmiss meinen Rucksack auf das kleine, alte Sofa an der Wand. Vor ihm hatten wir einen Beistelltisch aufgebaut und einen Topf mit Blutweiderlich, meinen Lieblingsblumen. Dann rannte ich mit dem Eimer, den ich hinter der Tür hervorgezogen hatte zum Meer. Das Wasser war eine richtig gute Abkühlung bei diesem Wetter. Ich ließ etwas in den Eimer fließen und verschwand wieder in das Innere des Häuschens, um die Blumen zu gießen. Schon hörte ich Fußstapfen auf dem Sand. Das waren garantiert Alea und Holly! Ich ließ den Eimer sinken und öffnete die Tür. „Da seid ihr ja!“ rief ich meinen Freundinnen freudig entgegen. Sie winkten mir keuchend und schnaufend zu. Ungeduldig fragte Holly: „Hast du das Eis dabei? Natürlich musste Holly das fragen, ohne Eis konnte sie nicht leben. „Ich brauche dringend eine Abkühlung. Außerdem habe ich mächtig Hunger!“ Ohne irgendetwas zu erwidern, lief ich zum Sofa und schnappte mir meinen Rucksack. „Oh nein! Man, das ist so ein beknackter Mist!“ schimpfte ich, als ich etwas Feuchtes in meinem Rucksack spürte. Mir dämmerte es. Ich wirbelte herum, um mir das Sofa anzusehen. Und – oh man - auf dem Sofa war ein riesiger grauer Fleck. Nun bemerkten auch meine Freundinnen das Dilemma. Holly fing an herum zu jammern und Alea fasste sich an die Stirn. Ich machte mir Vorwürfe: „Daran hätte ich doch denken können! Jetzt ist unser Taschengeld für diese Woche nur noch Wasser mit Zucker und Lebensmittelfarbe in dem Holzstiele schwimmen!“. „Ach mach dir keine Sorgen, das ist zwar doof gelaufen mit dem Geld und so, aber wir können doch auch einfach ein bisschen Schwimmen gehen. Das kühlt auch ab! Außerdem habe ich auch noch ein paar Gummibärchen dabei - die Grünen, mit dem Frosch.“ Alea kramte zwei Tüten Gummibärchen aus ihrer Umhängetasche. Die Tasche trug sie immer bei sich, egal ob wir Wandern wollten oder ein bisschen durch die Stadt laufen. Sie war khakifarben und mit kleinen Schmucksteinchen verziert. „Stimmt“, Holly zog ihr Sommerkleid aus und zum Vorschein kam ihr neuer Badeanzug. Erst gestern Abend waren Holly und ihre Schwester Elisa shoppen gefahren – mit dem Fahrrad natürlich – Elisa hatte keinen Führerschein, denn auf unserer kleinen Halbinsel gab es erstens keine Fahrschule und zweitens war Elisa erst vor ein paar Wochen 18 geworden. In der Stadt hatten sie anscheinend den Badeanzug ergattert. Schnell zogen auch Alea und ich uns um und rannten zum Wasser. Die Wellen leckten an meinen Füßen, ein tolles Gefühl. Der Sand wurde mit jedem Schritt den ich ins Wasser watete aufgewühlt. Ich spürte kleine, abgerundete Kieselsteinchen unter meinen Füßen. Herrlich. Während Holly und Alea herum tobten, drehte ich mich auf meinen Rücken und ließ ich mich treiben. Die Sonne wärmte meine Haut. In mir kribbelte etwas. Es war, als würden tausend kleine Ameisen durch meinen Körper laufen. Dieses Kribbeln kam immer, wenn ich im Wasser war. Das hier war wirklich mein Lieblingsort. Viele Gedanken schossen durch meinen Kopf. Endlich hatte ich so richtig Zeit über alles nachzudenken, was mich beschäftigte. Mir fiel auf, dass ich schon lange nicht mehr in der Bäckerei meiner Oma war und dass ich ihr so gerne mal wieder beim Backen helfen würde. Meine Oma nutzte ausschließlich Kräuter und essbare Blumen, die es hier auf der Insel gab. Das gefiel mir. Sie schätzte die Natur sehr. Ich glaube, in ihrem früheren Leben war sie eine Schamanin. Desto länger ich mit diesem Gedanken spielte, gefiel er mir immer besser. Ein kleines Grinsen durchzuckte mich. Trotzdem, ich war hier um etwas mit meinen Freundinnen zu unternehmen. Ich schwamm in ihre Richtung. Plötzlich wurde mir kalt. Das Lächeln verschwand aus meinem Gesicht. Sie waren nicht mehr da! Voll Panik überflog ich mit meinen Augen die Gegend. Nirgendwo konnte ich sie sehen. Nur noch Aleas Tasche lag im Sand. Außerdem Hollys Handtuch. Mich schauderte es. Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus, die Härchen auf meinem Arm stellten sich meiner Angst entgegen. Ich tauchte unter, doch auch unter Wasser sah ich niemanden. Verzweifelt stolperte ich aus dem Wasser. Der Sand hing auf einmal, wie Blei an meinen Füßen. „Wo seid ihr? Alea, Holly?“, ich rief mir die Seele aus dem Leib. Niemand antwortete. Ich versuchte mir Mut zu zusprechen: „Alles wir gut Kaya, du findest sie. Ganz bestimmt. Vielleicht haben sie sich auch nichts dabei gedacht und sind schon mal in das Strandhäuschen gegangen.“ Ich sammelte Aleas Tasche auf und wickelte mich in Hollys Handtuch. Das Wasser tropfte an mir herunter. Als ich auch im Strandhäuschen keinen von beiden fand, entschied ich mich hier zu warten. Vielleicht kamen sie ja noch zurück. Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte, dämmerte es und die Sonne schob sich immer weiter in den Himmel. Ging es meinen Freundinnen gut? und… stopp - hatte ich mich gerade verhört? Oder hörte ich gerade Holly schreien? Ich lief hinaus an den Strand. Ich erkannte sie! Es war Hollys Stimme! „Holly wo bist du?“ rief ich zurück. Fast hätte ich es überhört, denn zurück kam etwas unterdrückt: „Auf einem Felsen im Meer. Alea sagt nichts und ich kann so weit nicht schwimmen! Bitte hol irgendwen!“ Sofort rannte ich zur Polizei. Barfuß. Egal. Ich musste ihnen helfen. Schon wieder hatte ich Gänsehaut. Nun hing alles von mir ab. Ich rannte die Stufen des Polizeipräsidiums hoch, stemmte die Tür auf und dann ging alles ganz schnell. Ich erklärte einem Mann was Sache war, na ja ich versuchte es. Ich wusste ja nicht, wie die beiden dort hingekommen waren. Und saß innerhalb von ein paar Minuten eingewickelt in einer Decke in einem Streifenwagen. Ich beschrieb einer Frau die das Auto fuhr wo unser – jetzt nicht mehr geheimer – Treffpunkt war. Und schon waren wir angekommen. Jetzt hieß es Warten. Die Polizisten waren schon dabei Alea und Holly in ein Schlauchboot zu setzten, dass sie wieder an Land fuhr. Schließlich saßen wir alle an einem Tisch, einem Krankenhaustisch. Es roch schrecklich nach Desinfektionsmittel. Wie sich herausstellte, waren Holly und Alea ein bisschen weiter ins Meer geschwommen, um zu Schnorcheln. Voller Entsetzen musste ich feststellen, dass nicht alle Leute auf der Insel so nett waren. Ein Fischer hatte seine Netze nicht wieder eingeholt und Alea und Holly wurden von dem Netz zu dem Felsen hingezogen. Es hatte sich in Treibholz verfangen und wurde mitgerissen. Sie konnten sich gerade noch rechtzeitig auf den Felsen ziehen. Dabei war Alea mit dem Kopf gegen den Felsen geschlagen. Sie hatte eine riesige Platzwunde und konnte wegen des Schocks kein Wort herausbringen. Das war alles ziemlich schlimm, doch jetzt war ich einfach froh, es ging allen wieder gut. Ich hörte Schritte den Krankenhausflur entlang kommen. Unsere Eltern kamen, um uns abzuholen. Zu unserer Freude, mit einem Eis in der Hand.

 

Anton Atzbach 7d: Der etwas andere Umzug (Thema der Mittelstufe: EHRLICHKEIT)

„Wir müssen umziehen.“ Das hatte meine Mutter gesagt. Schon wieder. Einfach so, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen. Obwohl es doch eigentlich die Entscheidung der Kinder sein sollte. Die Erwachsenen sind doch sowieso nur mit ihrer Arbeit und ihrer Zukunft beschäftigt, während die Kinder sich immer integrieren müssen. Naja, egal. Auf jeden Fall ist heute mein erster Schultag und ich habe echt gar keinen Bock, schon wieder neue Freunde finden zu müssen und schon wieder der Neue in der Klasse zu sein. Das habe ich meiner Mutter auch gesagt und seitdem ist sie total angefixt, dass ich Freunde finde. Ich weiß noch nicht genau, was ich davon halten soll. Als ich langsam das Klassenzimmer betrat, guckten mich alle so an, wie jedes Mal, wenn ich neu in einer Klasse bin, als hätte ich einen Hut auf, auf dem stand „Ihr müsst mich alle so anstarren als wärt ihr Möwen, denen das Wasser im Mund zusammenläuft, weil ich aus alten Brotkrumen gemacht bin“. Aber diesmal hatte ich mir fest vorgenommen, Freunde zu finden, die nicht Ernie hießen und jeden Samstag bei Kika liefen. Also versuchte ich, so freundlich wie möglich zu wirken, und setzte das schönste Lächeln auf, das ich konnte. Ich glaube, das hat nicht ganz geklappt, denn jetzt starrten mich alle an, als wäre ich ein altes Fischbrötchen. Schließlich kam der Lehrer in den Klassenraum. Er war noch sehr jung und hatte lange Haare. Vielversprechend, oder? Dann setzte er sich auf den Stuhl vor dem Lehrerpult und sagte mit einer tiefen Stimme: „Hallo“. Danach holte er seinen Planer heraus und checkte die Anwesenheitsliste. Er rief alle Kinder auf – außer mich. Das fängt ja schon mal gut an, dachte ich. Schnell sagte ich, dass ich der Neue bin und dass er mich vergessen hat. Oh, wie ich diesen Moment hasste. Alleine vor der Klasse sprechen und keiner kennt einen. Sofort nachdem ich den letzten Satz beendet hatte, setzte Herr Liebert, so hieß er, wie sich später herausstellte, das gekünstelteste Lächeln auf, was ich je bei einem Menschen gesehen hatte und sagte: „Sagt Hallo zu… äh, wie ist dein Name?“ „Tim“, antwortete ich. „Tim, Aha. Also dann, sagt Hallo zu Tim. Herzlich willkommen in unserer Klasse.“ Aber die anderen schienen mich nicht so willkommen zu heißen. Sie starrten mich immer noch an. Selbst als die Stunde schon rum war. In der Pause sprachen sie darüber, was sie am Wochenende machten. Ich war so neidisch, weil ich nichts am Wochenende machen durfte, weil alle noch Umzugskrams machen mussten. Ich wollte aber unbedingt mitreden. Ich würde meine Mutter schon rumkriegen, also sagte ich: „Ich fahre am Wochenende auch weg. Nämlich zu diesem Funpark in äh…, Bad…, Fi…, Fa…, Falzberg“. Das kannst du aber besser, Tim. Was war das denn? Nur weil du einen Namen im Fernsehen aufgeschnappt hast, heißt das noch nicht, dass du ihn sofort raushauen kannst. Bad Falzberg, also wirklich. Sie sahen mich wieder an, aber nicht mehr mit einem Der-Neue-ist-da-wir-müssen-ihn-sofort-mit-unseren-Laserblicken-maltretieren-Blick, sondern mit einem erstaunten Blick. Normalerweise hätte ich mir bei so einem Blick von einer Person gedacht, dass sie mich einfach vorher noch nicht gesehen hatte, aber jetzt war das natürlich anders, ich als Fischbrötchen. „Oh, Bad Falzberg, äääääh, ja klar, äh, erzähl uns doch einfach mal davon am Montag.“ Mit einem verwirrten Blick, wendete er sich ab. Na super. Das hast du ja toll hingekriegt. Jetzt habe ich nicht nur keine Freunde, sondern bin auch noch in der Patsche wegen dieser doofen Idee. Als ich nach Hause kam, fragte meine Mutter sofort ob ich auch ein paar nette Leute getroffen habe, aber ich war so genervt, dass ich einfach erwiderte: „Ja klar.“ Meine Mutter sagt immer, dass ich das, was ich selber angerichtet habe auch wieder ausbaden muss, aber wie konnte ich von etwas erzählen, was ich nicht gemacht hatte. Sofort als ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, kam ich mir unendlich dumm vor. Ich musste doch gar nicht da gewesen sein. Ich konnte doch einfach erzählen, dass ich da war und dass es ganz toll war. Und fertig war die Sache und ich wurde vielleicht sogar ein bisschen beliebter. Sofort ging es mir ein bisschen besser, aber tief in meinem Innern wusste ich, dass es keine gute Idee war. Am Wochenende konnte ich meine Mutter doch nicht rumkriegen, wie ich es mir gedacht hatte. Stattdessen musste ich bei allem mithelfen, was auch nur anstand. Möbel auspacken, Schränke einräumen, in der Küche Gemüse und Kartoffeln waschen (Was zum Teufel hatte das mit Umzugskrams zu tun?). Vielleicht musste ich meine Mutter wirklich einweihen, aber ich hatte ihr doch schon gesagt, dass ich Freunde gefunden hatte. Nein, ich konnte das nicht machen. Wie gesagt, ich musste es ausbaden. Aber ich hatte immer noch dieses doofe schlechte Gewissen. Am Montag kam ich in die Schule und alle guckten mich erwartungsvoll an. Warum mussten sie das tun? Warum interessierte sie wo ich am Wochenende war? Ich wusste es natürlich, aber ich wollte es irgendwie nicht wahrhaben. Plötzlich tippte mich der Junge vom letzten Mal an, ich glaube er hieß Marvin, und sagte: „Hey, wie war es denn in Falzberg. Dort ist ja die größte Achterbahn in Dänemark und außerdem dieser komische Zug, der über den Gleisen schwebt. Ich dachte das letzte Mal wirklich, dass du lügst. Weißt du, wir hatten hier schon mal jemanden, der immer gelogen hat, aber irgendwann ist er aufgeflogen. Armer Junge, egal wie war denn der tolle Zug?“ Ich schluckte erst einmal und es gab eine peinliche Stille. Aber dann fasste ich mich und antwortete: „Ja klar, der Zug war toll, äh, ich bin da natürlich auch mitgefahren und, äh, ja, also das war voll krass, weil, äh, ja, also, es war mega-krass, weil man die ganze Zeit gedacht hat, dass man schweben würde, auch im Zug, also das war wirklich ein tolles Gefühl, wie in der Zukunft und einmal, da ist der Zug einfach auf die Schienen gefallen und ich hatte voll die Angst, dass der Zug nicht mehr weiterfährt, aber dann kam der Zugführer und hat uns erklärt, dass das Absicht ist und der Zug gerade Strom tankt. Und das Besondere daran war…“ Ich hörte gar nicht mehr auf zu erzählen. Es kam einfach aus meinem Mund, die ganzen Lügen, als hätte ich nie etwas anderes getan. Als ich dann doch aufhörte, schauten mich alle an und ich dachte zuerst sie fanden es komisch, aber dann umringten sie mich und stellten Fragen über den Zug und den Zugführer und ich konnte sie einfach beantworten und lügen wie ein Weltmeister. Naja, eine gute Sache hatte das Ganze. Ich hatte jetzt wohl Freunde. An dem Tag stolzierte ich nach Hause, als hätte ich im Lotto gewonnen. Als mich meine Mutter dann nach dem Grund meiner Fröhlichkeit fragte, antwortete ich einfach mit: „Ach, ich habe einfach ein paar nette Leute getroffen.“ Daraufhin lächelte meine Mutter und ich fühlte mich gut. Als ich in meinem Zimmer war, kamen allerdings die ersten Zweifel. War es richtig, einfach so Leute anzulügen. Sofort kam ich mir doof vor, weil ich mir die Frage natürlich selbst beantworten konnte. Ich hörte schon die Stimme meiner Mutter im Ohr: „Lüge niemals, es fliegt sowieso auf“ Aber ich konnte es ihnen doch nicht einfach ins Gesicht sagen. Dann hätte ich ja keine Freunde mehr. Nein, ich konnte es ihnen nicht einfach erzählen. Was sollte ich denn sagen? „Oh, eigentlich ist alles was ich bisher gesagt habe komplett falsch und ihr solltet nicht mehr mit mir befreundet sein, weil der Grund warum ihr meine Freunde seid ist gelogen.“ Ich war in einer Zwickmühle. Oder? Wenn ich einfach nicht mehr lügen würde, dann kann ja nichts mehr schief gehen. Ja, so müsste es klappen. Und meine Freunde würden auch meine Freunde bleiben. Es war nicht gerade ein Masterplan, mit dem ich am nächsten Tag in die Schule ging. Das würde sich später auch noch bewahrheiten, allerdings dachte ich an einen Masterplan in diesem Moment. Denn sobald der Unterricht vorbei war, umringten alle einen Schüler, ich glaube er hieß Nils. Er gestikulierte ganz aufgeregt mit den Händen und schien ganz ausgelassenen von etwas zu erzählen. Als ich nähertrat, konnte ich auch hören worüber er redete. „…und dann waren wir auf dieser riesigen Eisenbahn, aber die sah bei mir ein bisschen anders aus, als Tim sie beschrieben hat. Vielleicht wurde sie ja restauriert. Naja, egal, auf jeden Fall haben wir alle so ein total krasses Hightech-Armband bekommen und wir mussten das dann beim Zug vorzeigen. Der hat das dann sogar so abgescannt und er konnte uns damit orten, sodass, wenn die Bahn einen Unfall hat, sie dies sofort bemerken und uns retten können. Das war auch der einzige Grund, warum meine Mutter mich auf den Zug gelassen hat.“ Alle lachten. Okay, was sollte ich jetzt machen. Ausnahmsweise wusste ich dieses Mal, was passieren könnte, nämlich weil ich dieses verdammte Armband nicht hatte. Was sollte ich tun, wenn sie mich danach fragten. „…und wir durften das sogar behalten.“ Stolz zeigte er sein „krasses Hightech-Armband“ überall unter die Nasen der staunenden Gesichter der anderen. Das machte die Sache nicht gerade einfacher. „Und Tim, dieses Armband ist schon toll. Hast du eigentlich das Gleiche oder sind die an jedem Tag anders? Zeig mal!“ Na super. Jetzt war ich geliefert. Was sollte ich denn zeigen. Etwa mein selbstgehäkeltes Freundschaftsband für die Besiegelung der Freundschaft mit Ernie oder was? Nein, ich musste mir irgendetwas einfallen lassen. Ich konnte doch auch nicht einfach sagen, dass ich es nicht dabeihatte. Also sagte ich: „Ich habe mein Armband einfach dagelassen. Ich wollte, dass ihr dorthin geht und herausfindet, was das Beste an der Bahn ist.“ Super, Tim, das Gehirn feiert eine Party. Jetzt konnte doch wohl nichts mehr schiefgehen, oder? Das war mal ein guter Konter. Aber die Antwort von Nils traf mich dafür noch härter, als würde er mir mit einer Eisenstange gegen den Kopf hauen: „Aber wir durften die Armbänder doch gar nicht dalassen, weil sonst das System überlastet ist, da zu viele Ortungssignale auf dem Platz sind. Wir mussten unsere Armbänder doch außer Reichweite des Systems bringen.“ In dem Moment wusste ich, dass es keinen Ausweg aus dieser Situation gab, wie ich es bei den letzten mindestens zwei Malen gemacht hatte. Ich versuchte zuerst, etwas zu sagen, aber es kam einfach nichts heraus und ich sagte am Ende nur „Ehhh, Ja, also-“ und rannte einfach weg. Weg von diesen gelogenen Freunden und meiner Blamage. Als ich schließlich zu einem Ort gekommen war, wo ich vor ihnen sicher war, fing ich einfach an zu weinen. Niemand hörte mich und das war auch gut so. So saß ich da für mindestens 20 Minuten, bis ich mich aufraffte und mich fragte was ich getan hatte. Was sollte ich machen? Was konnte ich machen? Und da kam mir eine Idee. Ich musste ehrlich sein. Und das würde ich auch sein. Ich rannte förmlich nach Hause und sobald meine Mutter mir die Tür öffnete, erzählte ich ihr alles. Von meinen falschen Freunden, meiner fehlenden Ehrlichkeit und was für ein Idiot ich doch war. Mein Plan war eigentlich Ärger zu bekommen und einen Ausweg zusammen mit meiner Mutter finden, allerdings gestaltete sich der erste Part ein wenig anders. Meine Mutter war kein bisschen sauer. Sie sagte nur: „Und jetzt soll ich dir helfen. Ja? Okay, na komm. Da lässt sich doch was machen. Aber da musst du schon selbst drauf kommen.“ Diesmal ging ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge, dafür aber mit einem Masterplan in die Schule. Ich tippte Marvin an und sagte ein wenig verlegen: „Hey, äh, du hast doch bestimmt gemerkt, dass ich vielleicht gar nicht da bei Falzberg und so war, oder? Also ich wollte dir nur sa-“ „Ey, was war das denn gestern? Das war alles gelogen, oder was? Was ist das denn?“ „Es tut mir Leid, ich will es wieder gut machen. Wie wäre es, wenn ich euch alle zum Eis einlade. Morgen Nachmittag in der Eisdiele Molin.“ Zuerst herrschte Totenstille, aber dann fingen alle an zu lachen. „Du, du willst uns einladen, Hahaha.“ „Doch, doch, morgen um 15:00 Uhr, versprochen.“ „Haha, wer´s glaubt.“ Am nächsten Tag kamen alle mit einem hämischen Grinsen auf dem Gesicht zu mir und sagten: „Na, hast du gestern noch andere verarscht?“ „Aber wir treffen uns heute Nachmittag im Café, okay“, sagte ich standhaft. „Ja, schon klar!“ An diesem Tag war ich mir nicht sicher, ob ich mir wirklich die Mühe machen sollte in die Eisdiele zu gehen, aber am Ende konnte ich ja wohl nichts falsch machen. Als ich dann an der Eisdiele war, bestätigte sich meine Vermutung. Keiner war da! War ja klar. Warum sitze ich eigentlich immer noch hier. Die Zeit zog sich und die Situation wurde immer peinlicher. Alle Leute guckten mich an, wie damals an meinem ersten Tag. Etwa eine halbe Stunde später, in der ich noch nichts bestellt hatte und einfach nur dasaß und wartete, ich mir die Fingernägel schon zur Hälfte aufgeknibbelt hatte und es total peinlich war, hörte ich ein Flüstern. Na endlich, es schauten ja schon wieder alle. Leider konnte ich nur das Ende verstehen: „…ja, komm, der sitzt da jetzt schon seit drei. Ey, Marvin, du hast doch auch Bock auf Eis, oder? Jetzt mach doch nicht einen auf Zicke! Ja jetzt komm.“ Es war Theo, der sich schon die ganze Zeit hinter einem Blumenkübel versteckt hatte und jetzt langsam zum Vorschein kam. Ich verkniff mir das Lächeln. „Hey, äh, ja, also ich hole dann mal die anderen.“ Zehn Minuten später kam er mit den anderen wieder und sie setzten sich zu mir. Plötzlich sagte Marvin: „Aber Freunde sind wir deswegen noch lange nicht?“ Theo schaute ihn vorwurfsvoll an und später wusste ich, dass es gelogen war.

Hannah Kraft Q1: Leben (Thema Oberstufe: NACHRICHTEN AUS DEM LOCKDOWN)

„Corona: Mehr als 700.000 Tote in Deutschland“; „Fünf weitere Corona-Tote im Kreis Paderborn“; „Corona-Mutante B.1.1.7: Ansteckender und tödlicher“ - seit nun mehr als einem Jahr liest und hört man täglich solche Nachrichten. Nachrichten, in denen immer die Wörter „Tod“ oder „sterben“ vorkommen. Nachrichten, die einen mit Angst erfüllen und sich wie dunkle Wolken über alle positiven Nachrichten zu legen scheinen und kein Sonnenlicht durchlassen. Nachrichten, die um das Leben nahestehender Menschen fürchten lassen, die täglich Zweifel am eigenen Handeln aufkommen lassen. Sollte ich wirklich meine Freundin besuchen? Gefährde ich meine Großeltern, wenn ich sie besuche, um sie für ein paar Stunden aus ihrer Einsamkeit zu befreien? Wäre es fahrlässig, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, wenn ich weiß, dass es unmöglich ist, dort Abstandsregeln einzuhalten? Fragen, die wir uns jeden Tag stellen müssen. Fragen, die uns kaum Zeit lassen, durchzuatmen und an etwas anderes als Angst, Gefahr und Tod zu denken. Aber vielleicht ist es gerade in dieser Zeit, in der es neben der Schule und der Arbeit kaum die Möglichkeit gibt, auf andere Gedanken zu kommen, wichtig, sich darauf zu konzentrieren, was uns wirklich wichtig ist, was uns ausmacht, was wir sind. Vielleicht ist es in diesen Zeiten, in denen wir tagein, tagaus mit Nachrichten über neue Todesfälle konfrontiert werden, umso wichtiger, sich an das Wesentliche zu erinnern, um nicht zu vergessen, was es wirklich bedeutet zu leben. Aber weiß ich selbst überhaupt noch, was das Leben ist? Leben. Substantiv, Neutrum. Bedeutung: das Lebendigsein, Existieren. Ein kurzes Wort, einfach zu lesen und von der Bedeutung eigentlich allen bekannt. Doch während ich hier sitze und versuche, etwas über dieses so einfach erscheinende Wort zu schreiben, fällt mir auf, dass ich eigentlich gar nichts über das Leben weiß. Mir ist bewusst, wieparadox das kling. Wer lebt – und ich lebe offensichtlich – müsste doch wissen, was es bedeutet, zu leben? Und doch ist dem nicht so. Es erscheint so einfach, dieses Wort zu erklären, aber wie soll man verstehen, was das Leben ist, wenn man den Tod, das Gegenteil des Lebens, nicht kennt? Ist es nicht erforderlich, sowohl die Bedeutung eines Wortes oder Zustandes als auch die Bedeutung des Gegenteils dieses Wortes oder Zustandes erfahren zu haben, um es beziehungsweise ihn wirklich begreifen zu können? Wir wissen, was kalt bedeutet, weil wir wissen, was warm bedeutet, und wir wissen, was warm bedeutet, weil wir wissen, was kalt bedeutet. Wir verstehen, was Schmerzen sind, weil wir wissen wie es ist, frei von Schmerzen zu sein. Wie also sollen wir wissen, was es heißt zu leben, ohne jemals dem Tod begegnet zu sein? Was heißt es, tot zu sein? Schenkt man Stephen Hawkings Annahme Glauben, so bedeutet Tod einfach NICHTS. Man hört auf zu leben, zerfällt zu Staub und ist einfach nichts. Man existiert nicht mehr. Für immer. Dies klingt ziemlich deprimierend und es fällt mir schwer, mir vorzustellen, nichts zu sein. Vielleicht weigere ich mich gerade deshalb, Stephen Hawking zu glauben, weil es sich mit dem Nichts und der Unendlichkeit ähnlich verhält wie mit dem Leben und dem Tod: Wir können es nicht begreifen. In unserer Welt scheint alles zeitlich begrenzt und nichts von ewiger Dauer zu sein und wir sind nie nichts, weil wir immer etwas sind, weil wir leben. Vermutlich ist das auch einer der Gründe, warum ich lieber der christlichen Vorstellung vom Ewigen Leben Glauben schenke. Zwar taucht auch hier wieder das kleine große Wort „ewig“ auf, aber ich muss mich nicht mit der Frage quälen, was es heißt, nichts zu sein. Im Gegenteil, das Ewige Leben erinnert in meiner Vorstellung stark an eine ewige und irgendwie vollkommene Version des Lebens, das ich bereits kenne. Oder auch nicht kenne. Womit wir wieder bei der ursprünglichen Frage wären. Doch trotz all meiner Überlegungen, trotz all meines Gedankensports, habe ich das Gefühl, der Antwort auf meine Frage nicht das kleinste Stückchen nähergekommen zu sein. Frustriert blicke ich aus dem Fenster in den Nebel und lausche dem Regen, der gegen die Fensterscheibe prasselt, und ich merke, dass ich genauso wenig über das Leben weiß wie vorher. Doch irgendeinen Sinn muss unser Dasein ja haben. Vielleicht sind es die Menschen, all die Begegnungen, die wir in der Zeit, in der wir auf Erden sind, machen, und die kleinen Veränderungen, die wir bei den Menschen, denen wir begegnen und die wir mit der Zeit kennenlernen, bewirken. Vielleicht sind es die Menschen, die uns auf unserem Weg begleiten und denen wir in uns ein Zuhause schenken. Vielleicht ist es die Liebe, die Liebe unseres Lebens, die wir irgendwann treffen. Vielleicht ist es aber auch die Musik, die unserem Dasein eine Bedeutung gibt. Die Musik, mit der es möglich ist, Menschen die Herzen zu öffnen, die dort verbindet, wo Worte und Sprache trennen. Oder ist es ein Hobby? Ist es ein Beruf, der einen erfüllt und mit dem man andere Menschen glücklich machen kann? Vielleicht ist es auch ein Haustier, um das wir uns kümmern, oder es sind die Reisen, die wir unternehmen, die Orte, die wir erkunden. Oder ist es etwas ganz anderes? Vielleicht kann ich noch immer nicht die Frage beantworten, was das Leben ist, aber ich habe endlich das Gefühl, der Antwort auf diese Frage ein wenig näher gekommen zu sein, dem Leben etwas mehr auf die Spur gekommen zu sein. Ich mag zwar nicht wissen, was Dir Dein Leben bedeutet, aber ich habe gelernt, dass Leben etwas ganz individuelles, persönliches ist und nur ich selbst meinem Leben einen Sinn geben kann, genau wie allein Du Deinem Leben einen Sinn geben kannst. Mit diesem Gedanken lege ich meinen Stift zur Seite und stehe auf. Während ich aus dem Haus trete, schaue ich in den Himmel, der sich gelichtet hat. Es hat aufgehört zu regnen und die ersten Sonnenstrahlen haben sich bereits herausgewagt und scheinen schüchtern auf mein Gesicht. Ich beschließe, nach meinem Spaziergang durch die Welt der Gedanken, das zu tun, was wir gerade in diesen Zeiten nicht vergessen sollten: leben.