St. Michael im Ersten Weltkrieg

August 1914 - 100 Jahre danach

Am 1. August 1914, vor 100 Jahren also, begann der 1. Weltkrieg. Da waren das Michaelskloster und seine Schulen schon 256 Jahre alt, die Schwestern hatten mit ihren Schülerinnen manche stürmische Zeiten erlebt, zuletzt den Kulturkampf, in dem sie sogar ins Exil verjagt worden waren. Wie überall in Deutschland herrschte auch im Michaelskloster große Kriegsbegeisterung; zwar machte sich die Klosterchronik Sorgen wegen der „furchtbaren, folgenschweren Ereignisse“, und die Schwestern schickten mit ihren Schülerinnen „Extra-Gebete“ zum Himmel; aber die bekannten Bilder in den Geschichtsbüchern mit den begeisterten Menschen an den Straßen, durch die junge Soldaten mit blumengeschmückten Gewehren an die Front zogen, geben auch die Hurra-Stimmung im Michaelskloster wieder. Schulfrei gab es, wenn die Glocken vom Dom und allen Kirchen einen deutschen Sieg meldeten, da berichtet die Chronik von „großer Freude“ und „Begeisterung für die Sache des Vaterlandes“ und endet solche Eintragungen mit „Großartig!“. Ein Klassenaufsatz hatte als Thema: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!“, ein Zitat aus einem Freiheitsgedicht von Theodor Körner während der Befreiungskriege 1813:

„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los.

Wer legt die Hände noch in den Schoß?

Pfui über dich Buben hinter dem Ofen …

 Bist doch ein ehrlos erbärmlicher Wicht,

 Ein deutsches Mädchen küßt dich nicht …

 Und schlägt unser Stündlein im Schlachtenrot,

 Willkommen dann, sel’ger Soldatentod.“

 

Und ein ‚Abiturthema 1914 im Fach Deutsch hieß: „Das Zeichen des Kreuzes im Völkerkrieg“. Als im Spätherbst 1914 etwa 150 Soldaten auf ihrem Weg an die Front im Michaelskloster einquartiert wurden, planten die Schwestern mit ihren Schülerinnen eine große Weihnachtsfeier; die Klosterchronik berichtet von einem „herrlichen Christbaum, der bis an die Decke reichte“, von „Eisernen Kreuzen und Helmen, aus Gebäck und Schokolade gefertigt“, die die Schülerinnen an den Baum hängten. Die damals so wichtigen Handarbeitsstunden standen auf Anordnung der Regierung ganz im Dienste des Krieges: die Chronik spricht von „wahrer Strickleidenschaft“ der Mädchen. Und als der junge Oberlehrer Franz Wortmann sich gleich zu Kriegsbeginn freiwillig an die Front meldete, strickten seine Schülerinnen besonders für ihn und schickten ihm Pakete mit Süßigkeiten und dicken Wollstrümpfen und einem Gedicht:

 

„Die kleine Klasse OL2

 Schickt vier Paketchen mit allerlei

 Dem Tapfren, der fürs Vaterland

 Verlassen unsern Paderstrand

 Und nun auf Frankreichs fremder Erde

 Verteidigt unsre deutsche Ehre!

 Heil Dir, Du tapfrer Heldensohn …

 OL2 und das ganze Klösterlein

 Herzliche Grüße schickt über den Rhein.“

 

Am 16. Februar 1915 wird Oberlehrer Wortmann im Argonner Wald tödlich getroffen, das Michaelskloster trauert und schreibt in der Todesanzeige: „Sein Andenken, verklärt durch den Heldentod fürs Vaterland, wird uns immer teuer bleiben.“ Immer spärlicher werden die Siegesmeldungen, immer geringer die Kriegsbegeisterung: 1917 herrscht in Deutschland Hunger, die Schülerinnen stricken unentwegt warme Socken für die Soldaten und spenden ihr erspartes Geld. Die Schwestern opfern zwei ihrer drei Kirchenglocken, die für Kriegsmaterial eingeschmolzen werden. Als der Krieg für Deutschland verloren ist und der Kaiser abdanken muss, füllen sich viele Schulräume und sogar die Kirche mit zurückflutenden Truppenmassen. Die Klosterchronik schreibt voller Trauer: „Der liebe Gott schirme wie bisher gütig Kloster und Schule!“ Schon 21 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges beginnt der noch viel grausamere 2., in dem das Michaelskloster 1940 für fast 6 Jahre seine Schulen schließen muss.

100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges sollte die Erinnerung an zwei furchtbare Weltbrände eine Mahnung sein, sich immer für einen gerechten Frieden einzusetzen.

Hartmut Mecke - 1.weltlicher Schulleiter des Gymnasiums (1991-2003)