Unterricht früher lief im Michaelskloster anders ab als heute...

Macht es dir was aus, wenn du weißt, dass vor dir schon mehr als 350 Jahre lang Schülerinnen in diesem Schulgelände waren? Die sind als kleine Mädchen so wie du heute in den Pausen draußen rumgelaufen; sie waren fleißig und auch mal faul und haben gerechnet und Sprachen gelernt und gesungen und geturnt und haben Blödsinn ausgeheckt und sich über Lehrer aufgeregt ...

Alles so wie heute? Ja – und doch auch nein! Es gab früher hier nur Lehrerinnen, und diese Lehrerinnen waren alle Ordensschwestern. Da war die Oberin, die man früher Mutter Superiorin nannte; da gab es die Schwester Schulleiterin, die bis 1894 Mutter Praefektin hieß; und wie heute hatte jede Klasse eine Schwester als Klassenlehrerin, und mit ihr unterrichteten noch andere Schwestern: Religionslehre und Lesen und Schreiben und Rechnung und Handarbeiten und Französisch. Diese Sprache deshalb, weil der Orden der Augustiner Chorfrauen in Lothringen gegründet worden war: 1597 in Mattaincourt vom dortigen Pfarrer Pierre Fourier und einer jungen Frau, die als erste Schwester des Ordens Alix le Clerc hieß.
Die Beiden wollten unbedingt, dass Mädchen genauso lernen dürften wie Jungen; und als sie in Poussay die erste kleine Schule eröffneten, kamen so viele Mädchen, dass ganz schnell an verschiedenen Orten Schule um Schule eröffnet wurde: von jungen Frauen, die als Ordens-schwestern in großer Zahl die Idee von Pierre Fourier und Alix le Clerc unterstützen wollten.
Und weil Lothringen im letzten Drittel des 30jährigen Krieges Fürchterliches erleiden musste, flohen viele Schwestern, u.a. auch nach Deutschland; in Trier und Münster und Essen und Paderborn und in noch mehr als 20 anderen deutschen Städten strömten sehr bald Mädchen in die Schwesternschulen: sie wollten lernen und Schulabschlüsse erwerben und damit zeigen, dass sie den Jungen ebenbürtig waren.

Unterricht früher lief im Michaelskloster anders ab als heute: mindestens 4 Jahre alt musste ein Mädchen sein, es musste immer fleißig sein wollen, und die Eltern mussten versprechen, ihre Tochter regelmäßig zur Schule zu schicken.
Es gab anfangs nur einen großen Unterrichtsraum, in dem drei verschiedene Klassen unterrichtet wurden: 3. Klasse – hier lernte man lesen; 2. Klasse – hier übte man das Lesen und zunehmend lernte und übte man das Schreiben; 1. Klasse – hier las man selbstständig fremde Texte und schrieb und rechnete auch – und die ganz guten Schülerinnen durften Französisch lernen, weshalb die Leute die Schwestern in Paderborn auch „Französische Nonnen" nannten.
Alle Mädchen hatten Religionsunterricht, und auch da übte man sich im Lesen und Schreiben. Aber vor allem lernte man Gebete und sprach mit den Schwestern über wichtige Festtage wie Ostern und Weihnachten und hörte viel interessant Neues über bedeutende Heilige, z.B. Augustinus und Franziskus und Liborius.
Alle Mädchen übten sich in Handarbeiten; das hatte den ganz praktischen Sinn: jede verheiratete Frau sollte, so wollte es Pierre Fourier, später in der Lage sein, für ihren Mann und ihre Kinder möglichst viel an Kleidung selbst herzustellen und sogar auch zu verkaufen. Genauso hatte das Rechnen seinen Sinn: wenn der Mann arbeitsunfähig wurde oder im Krieg fiel oder auch, wenn der Betrieb größer wurde, sollte die Frau in der Lage sein, ihn entscheidend oder gar ganz selbstständig weiter zu führen.
Im Klassenraum saßen bis zu 60 Mädchen, je 20 in einer Klasse. Die Sitzordnung richtete sich nach der Leistung: vorne rechts die beste Schülerin und so weiter bis hinten links zur schlechtesten. Und durch Fleiß konnte man jederzeit weiter nach vorne kommen, durch Faulheit aber auch absteigen. Weil immer mehr Mädchen kamen, wurden immer mehr Räume gebraucht, und immer mehr mussten die Schwestern deshalb auch bauen.
Man lernte viel durch gemeinsames Sprechen: da mussten zwei Klassen still für sich arbeiten, wenn die dritte laut übte. Das störte vielleicht, aber clevere Mädchen hörten immer auch schon mit einem Ohr hin und lernten dadurch nebenbei sehr viel. Und Pierre Fourier hatte die Wandtafel erfunden: es wurde Wichtiges angeschrieben und konnte so von allen gesehen und gelernt werden – wie heute auch. Und auch Partnerarbeit war gefragt: immer zwei Mädchen übten miteinander und halfen sich – da war es ganz ausdrücklich vorgeschrieben, dass jedes Mädchen gleich behandelt wurde und ganz selbstverständlich ein vornehmes adeliges Mädchen mit einem aus ganz armer Familie rechnete oder Vokabeln gegenseitig abfragte oder zu zweit handarbeitete. Übrigens waren diese Handarbeiten oft so toll, dass die Schülerinnen mit ihren Unterrichtsschwestern Ausstellungen organisierten und wertvolle Arbeiten zum Verkauf anboten. Wir wissen, dass die Paderborner immer in großer Zahl in solche Ausstellungen drängten, genau wie sie begeistert zuhörten, wenn die Mädchen in den Gottesdiensten im Chor sangen oder besondere Musikabende anboten mit Gesang und Flöten- und Klavierspiel.
Es gab auch Strafen: wer im Unterricht störte, musste stehen, später nachsitzen, und ganz böse Verfehlungen wurden sogar durch die Rute geahndet: dann musste eine Laienschwester kommen (das waren die Schwestern, die nicht wie die Chorschwestern unterrichteten, sondern in der Küche arbeiteten oder in der eigenen Landwirtschaft oder im Gemüsegarten: die Schwestern erwirtschafteten ihren Unterhalt ja völlig selbstständig). Drei oder vier bis sechs „Rutenstreiche" sollte die herbeigerufene Laienschwester der völlig unartigen Schülerin verabreichen, aber erst, wenn kein Mahnen und Strafen mit Worten oder durch Stehenmüssen oder Nachsitzen half; und keine Chorschwester oder gar Schülerinnen durften bei der Schlagstrafe zusehen. Und immer, nach allen Strafen und besonders nach der Schlagstrafe mussten die Eltern benachrichtigt werden.

Übrigens: die Unterrichtsschwestern sprach man mit „Mutter" an, die Laienschwestern mit „Schwester"; das hat sich erst vor etwa 20 Jahren erledigt, seitdem sagt man nur noch „Schwester".
Von Montag bis Samstag war Unterricht: von 8 bis 10 Uhr und von 13 bis 16 Uhr. Wer zu weit weg wohnte, konnte in der Mittagszeit da bleiben. Die Schulwege waren weit: die Mädchen kamen ja nicht nur aus der Stadt, nein auch aus Wewer und Neuhaus und Elsen und Delbrück und von überall her aus dem Hochstift Paderborn. Und immer zu Fuß, vielleicht auch mal mit Vaters Pferdewagen: im heißen Sommer, mehr noch im frostigen und verschneiten Winter; im Sommer mussten viele Mädchen allerdings zu Hause in der Landwirtschaft helfen. Schulpflicht hat sich in Paderborn wie überall in Preußen erst im 19. Jahrhundert ganz allmählich durchgesetzt. Für alle Mädchen gab es den Unterricht kostenlos, deshalb der Name „Frei-Schule". Bald schon richteten die Schwestern auch eine „Kost-Schule" ein: für Mädchen, die im Michaelskloster im Internat wohnten und wesentlich mehr auch lernten; und deren Unterrichtszeit war auch länger: von 8 bis 11 und von 13 bis 17 Uhr. Das Internat haben unsere Schwestern erst kurz nach 1970 abgeschafft.
Als die ersten beiden Schwestern 1658 mit dem Mädchen-Unterricht begannen, waren viele Paderborner sehr misstrauisch. Aber das änderte sich bald: der gute Unterricht im Michaelskloster sprach sich schnell herum, der Andrang wurde immer größer: „Up de Nonnen" galt vielen Eltern als gute Adresse für ihre Töchter. Das hat sich nie geändert, bis heute nicht – und das wird hoffentlich so bleiben, wenn demnächst auch Jungen an dem bis heute guten Unterricht in Realschule und Gymnasium St. Michael teilhaben wollen!

 

Hartmut Mecke (ehem. Schulleiter des Gymnasiums St. Michael)
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