"Innovativ von alters her..." (Zitat Sr. M. Ancilla Ernstberger)

Immer gab es tüchtige Oberinnen an der Spitze des Schwesternkonventes, die darüber wachten, dass Kloster und Schulen auf der Höhe der Zeit blieben. 1743 z.B. bekamen die Schwestern erstmals Schuhe mit Absätzen. Zur Zeit des Ordensgründers galten Absätze als Zeichen der Vornehmheit, ja der Eitelkeit; und deshalb hatte Pierre Fourier den Schwestern in die Klosterregel geschrieben: „Die Schuhen sollen gantz gemein von Kalb=Leder / ohne Zier / ohne hölzerne Stöckel ... seyn." Oberin Maria Anna de Bonnivet wollte das ändern, sie besprach das mit den Schwestern und ließ nach mehrheitlicher Zustimmung jeder, die das wollte, ein Paar Schuhe mit Absätzen anfertigen. Was uns heute nebensächlich vorkommt, war damals nicht nur bei den Schwestern, sondern auch bei den überwiegend einfachen Menschen eine unerhörte Neuerung. Dahinter steckte letztlich ein tiefgreifender Veränderungswille: das 18. Jahrhundert als Zeit der Aufklärung, der Französischen Revolution, Ausdruck des Willens der Menschen im 3. Stand zu mehr Gleichberechtigung!

Schon ein Jahr später, 1744, gibt dieselbe Oberin jeder Schwester einen Schlüssel für ihre Zelle. Die Klosterregel: „Keine Cell solle weder von innen noch aussen mit einem Schloß oder Riegel versperret seyn, der Superiorin allein außgenommen." Wieder stößt die Oberin eine Diskussion an, viele Schwestern sind dafür, manche wollen keine Veränderung ihrer heiligen Ordensregel; Ergebnis der Abstimmung: „An jeder Zelle ein Schloß mit einem Schlüssel." (Klosterchronik)
Und dieselbe Oberin versteckt sogar einen Mann im Kloster! Wenn man bedenkt, wie streng früher die Klausurvorschriften waren! Wie penibel es z.B. zuging, wenn morgens die Schülerinnen zum Unterricht kamen; was jede Schwester beachten musste, wenn sie aus der Klausur in den Klassenraum zum Unterrichten kam! Dass die Schwestern hinter einem Gitter der Morgenmesse beiwohnten und der Priester ihnen durch ein nur dafür geöffnetes Gittertörchen die Hostie reichte! Dass das Sprechzimmer durch ein Gitter geteilt war und nur dort Besuch empfangen werden durfte ...!
Als Weihbischof Gondola 1758 im 7-jährigen Krieg von den evangelischen Hannoveranern verhaftet werden sollte, tauchte er ab und blieb spurlos verschwunden: niemand wäre auf die unerhörte Idee gekommen, ihn in der Klausur der Michaels-Schwestern zu vermuten! Die Oberin hatte helfen wollen, sie hatte mit ihren Mit-Schwestern beraten: elf Wochen blieb der Weihbischof bei ihnen versteckt. Die Klosterregel war allen Schwestern heilig, aber heilig war ihnen auch der Auftrag ihres Ordensgründers: „Prüfet alles, das Gute behaltet!" Das galt für die Absätze, für den Schlüssen; das galt noch mehr, um das Leben eines Weihbischofs zu retten.
Und so erst recht nach 1803: die Preußen und dann die Franzosen und dann wieder die Preußen führten die Säkularisation durch; alle Klöster im Paderborner Hochstift wurden – wie anderswo auch – aufgelöst, aber nicht das Michaelskloster; der preußische Schulkommissar staunte nicht schlecht, als er den Unterricht der Schwestern besuchte: absolut „gutes Niveau", „beste Qualität", die Fächer auf der Höhe der Zeit, wissenschaftlich und methodisch. Immer hatten die Oberinnen die erforderlichen Bücher angeschafft, mit den zuständigen Unterrichtsschwestern gesprochen, im Unterricht erprobt: „Die Schwestern dürfen weiter unterrichten!" entschieden der König und die Minister in Berlin. Und weil sie so gut unterrichteten, sollte ein neues Lehrerinnen-Seminar die angehenden Lehrerinnen im Michaelskloster Unterrichtspraxis lernen lassen.
Die Schwestern besprachen das und waren dagegen: in der Ordensregel stand, nur Schwestern sollten unterrichten. Und das war, anders als bei Absätzen oder Schlüsseln, überlebenswichtig: Pierre Fourier und Alix le Clerc hatten den Orden doch eigens gegründet, um Mädchen Schulbildung zu vermitteln; würden die neuen weltlichen Lehrerinnen auf die Dauer den Orden nicht ins Abseits drängen?
Als die Preußen verärgert drohten, das Michaelskloster zu schließen und ihnen die Schulen wegzunehmen, wenn die „verbohrten Gitternonnen" nicht endlich nachgäben, erinnerte der Bischof Ledebur die Schwestern an ihren Ordensgründer und sein Paulus-Wort und an die Folgen, wenn sie weiter sich verweigerten. Die Schwestern lenkten ein und waren bald sehr froh darüber: alle großen staatlichen Schulreformen, die die Preußen in der Kaiserzeit und später in der Weimarer Republik durchführten, meisterte das Michaelskloster mit ausgezeichneten Beurteilungen! Und die Oberin Maria Angelika Lüke zögerte nicht, die ersten Schwestern aus der Klausur an die Universität zu schicken, als der Statt für das Unterrichtspersonal an den neuen höheren Schulen eine qualifizierte Hochschulbildung verlangte. Und weil die Zahl der Schülerinnen enorm wuchs, entschieden sich die Schwestern: wir stellen auch weltliche Lehrkräfte ein!
Selbst die Nazis, die 1940 kurzerhand alle Ordensschulen schlossen, bescheinigten dem Michaelskloster einen ausgezeichneten Unterricht.
Nach dem 2. Weltkrieg waren die Schwestern 1946 die Ersten, die ihr Gymnasium wieder öffnen durften. 1950 kam eine Realschule dazu, die weiter wachsende Zahl der Schülerinnen erforderte neues Bauen und immer mehr weltliches Lehrpersonal. Und als die Schulleiterin des Gymnasiums, Schwester Maria Johanna Fabian, sehr jung unheilbar an Krebs erkrankte, berieten die Schwestern ihre inzwischen kleiner gewordene Zahl und entschieden sich 1991, erstmals einen weltlichen Lehrer an die Spitze ihres Gymnasiums zu berufen. „Prüfet alles, das Gute behaltet!"
Weite und oftmals schmerzliche Wege ist der Schwesternkonvent gegangen, um sein Kloster und seine Schulen immer auf der Höhe der Zeit und lebendig zu erhalten in der Pflege seiner Tradition wie der Offenheit für wirklich gutes Neues.

 

Hartmut Mecke
1. weltlicher Schulleiter des Gymnasiums
(1991 – 2003)

 

 

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